Rigo Herold, Professor für Digitale Systeme an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, über die Weiterentwicklung von Datenbrillen und ihre Einsatzmöglichkeiten in der Wirtschaft und in der Medizin.

Das Bild zeigt Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Stand des Projekts ADAB auf der CeBIT 2015.
Bundesministerin Johanna Wanka und Ministerpräsident Stanislaw Tillich testen den ADAB-Demonstrator auf der CeBIT 2015 (Bild: Rigo Herold/Westsächsischen Hochschule Zwickau)

Seit der Vorstellung von Google Glass im Jahr 2012 sind Datenbrillen bekannt. Manchen gelten sie als das Kommunikationsinstrument der Zukunft. Ein Verkaufsschlager sind sie jedoch nicht. Sie, Herr Professor Herold, erforschen eine neue Generation von Brillen. Was ist das Besondere?

Datenbrillen können uns über Projektionen mit Informationen und Bildern versorgen. Dadurch erhält unser Sichtfeld eine zusätzliche virtuelle Ebene. Es bieten sich neue Möglichkeiten: Beim Fahrradfahren zeigt uns die Datenbrille den Weg, und sie kann uns bei der Bedienung von Maschinen unterstützen. Wir können durch die Brille kommunizieren, während wir gleichzeitig die Hände für andere Aufgaben frei haben. Die Google Glass verfügt dafür über eine Sprachsteuerung. Allerdings funktioniert diese nicht immer zuverlässig. Daher arbeiten wir daran, dass man die Computermaus auch mit dem Blick lenken kann. Ich könnte dann mit meinen Augen Mails schreiben.

Wie lässt sich eine Maus mit den Augen steuern?

Von den Augen wird ein Infrarotlicht reflektiert, das eine Kamera in der Datenbrille filmt. Die daraus generierten Daten wertet eine Software aus und ermittelt, auf welches Objekt im Raum der Brillenträger sich gerade fokussiert hat. Im Projekt „Adaptive Datenbrille“ wollen wir diese Funktion optimieren. Wir wollen, dass der Brillenträger die Projektionen dreidimensional im Raum sieht. An der Entwicklung der Technologie arbeite ich seit 2007. Damals war ich am Dresdner Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme.

Reichen die üblichen zweidimensionale Projektionen dafür nicht?

Nein, denn für die Brillenträger ist es unangenehm, wenn das Auge immer abwechselnd zwischen der realen Umgebung und der virtuellen Projektion scharf stellen muss. Das ist ein Nachteil der Datenbrillen ohne Eye-Tracking. Denn man sieht die virtuelle Projektion stets rund 30 Zentimeter vor den Augen. In unserem Projekt wollen wir erreichen, dass der Abstand der Projektion variabel ist. Möglich wird dies, indem wir Flüssigkeitslinsen verwenden. Deren optische Eigenschaften lassen sich verändern. Mit ihnen können wir auch eine Art Holografie erzeugen. Diese dreidimensionale Projektion lässt sich an jede beliebige Stelle im Raum platzieren – also immer dort, wo sie gerade benötigt wird. Wenn etwa ein Arzt einen Knochenbruch operiert, ließe sich mit der Datenbrille das Röntgenbild genau an die verletzte Stelle projizieren.

Unterstützung erhält das Projekt von drei Kooperationspartnern. Welche Rolle spielen sie?

Ohne unsere Partner könnten wir das Projekt nicht realisieren. Vor allem die Zusammenarbeit mitdem französischen Unternehmen Microoled ist für uns essenziell. Es ist eines von weltweit drei Unternehmen, die Microdisplays herstellen. Deren winzige Monitore sind das Herzstück der Datenbrille. Normalerweise würden wir als Hochschule gar keine Microdisplays bekommen, weil so ein großer Hersteller keine Einzelstücke verkauft.

Wie schätzen Sie die Marktchancen Ihrer Datenbrille ein?

Wir verzeichnen bereits viele Anfragen, und schon jetzt haben sich aus unserem Projekt mehrere Folgeprojekte ergeben. Bei VW Dresden soll die Datenbrille eingesetzt werden, um Fertigungsarbeiter zu unterstützen. Ziel ist, dass diese Brille ihnen künftig digital anzeigt, wo sie welche Schraube anziehen müssen und welcher Schritt als nächster folgt. Und auch König und Bauer, der zweitgrößte Druckmaschinenhersteller der Welt, will unsere Brillen einsetzen – als Serviceinstrument. Wenn bei der New York Times eine Druckmaschine ausfällt, müssen die extra einen Spezialisten aus Würzburg einfliegen. Das bedeutet einen langen Leerlauf, durch den schnell Kosten in Millionenhöhe entstehen. Das soll die Datenbrille vermeiden: Ein Techniker vor Ort könnte sie künftig aufsetzen und sich virtuell mit dem Spezialisten in Würzburg verbinden. Der zeigt ihm dann über die Brille, welche Elemente ausgetauscht werden müssen. Diese Art von Coaching wollen übrigens auch Ärzte am Zwickauer Klinikum nutzen und mit Hilfe einer Datenbrille die Ausbildung von Assistenzärzten verbessern.

Inwiefern profitiert auch die Wirtschaft in der Region von Ihrer Entwicklung?

Für die Umsetzung der laufenden und künftigen Forschungsprojekte, die sich aus unserem Projekt ergeben, wollen wir eine Firma ausgründen. Da werden neue Arbeitsplätze entstehen. Zudem bilden wir Expertinnen und Experten aus, die gefragt sind. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in der Region bleiben. Das bietet hiesigen Unternehmen aus der Branche neue Chancen. Denn wir sind europaweit die einzige Hochschule, die nicht nur die Software für eine Datenbrille entwickelt, sondern auch die ganze Hardware.

So erschienen in der BMBF-Broschüre "Forschung an Fachhochschulen".