Wie digitale Kompetenzen Senioren durch die Krise helfen

Senioren vernetzen sich digital: Noch vor wenigen Wochen mag das für einige bloß wie ein netter Zeitvertreib geklungen haben. In Zeiten von Coronakrise und Kontaktverbot sind digitale Kompetenzen aber plötzlich enorm wichtig geworden – auch und vor allem für ältere Menschen. Wie sehr die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Projekt GESCCO gerade jetzt von ihren neuen Fähigkeiten profitieren, zeigt eine SMS an die Projektleitung.

Gruppenbild von etwa 30 Senioren vor einem Haus, viele halten Tablets in der Hand

Eigenständig - Vernetzt - Aktiv: Seniorinnen und Senioren des EVA-Netzwerkes erlernen gemeinsam den Umgang mit digitalen Medien. (Bild: IZGS, Evangelische Hochschule Darmstadt)

„Es ist mir ein Bedürfnis, dies heute für alle EVAs zu schreiben. Ein großes Dankeschön“, heißt es in der Nachricht, die eine Teilnehmerin des Seniorennetzwerks EVA (Eigenständig. Vernetzt. Aktiv.) an die GESCCO-Projektleitung vom Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft (IZGS) der Evangelischen Hochschule Darmstadt gesendet hat. „Gerade in dieser gefährlichen Zeit des Coronavirus tut es gut, sich mit der Familie und Freundinnen oder Freunden auszutauschen.“

GESCCO (Generierung von Sharing und Caring Communities - Integrating Technologies, Volunteering and Services) wird vom BMBF über die Förderlinie SILQUA finanziert und hat unter anderem das Ziel, Seniorinnen und Senioren in Hessen mit digitalen Technologien und sozialen Medien vertraut zu machen und sie nachhaltig miteinander zu vernetzen. Diese Fähigkeiten können schon im normalen Alltag enorm wichtig sein, denn vielen älteren Menschen brechen nach und nach ihre gewohnten Netzwerke aus Freunden und Familienmitgliedern weg; digitale Netzwerke können diese Bindungen zum Teil ersetzen und der Einsamkeit und Hilflosigkeit entgegenwirken. Mehr als je zuvor gilt das nun in der aktuellen Coronakrise: Ausgerechnet Seniorinnen und Senioren gehören zur Risikogruppe und sollen keinen direkten Kontakt mit ihren Kindern und Enkelkindern mehr haben. Wer in dieser Situation mit digitalen Medien umgehen kann, hat es deutlich leichter, Kontakt mit Familie und Freunden zu halten.

Das GESCCO-Netzwerk in Offenbach setzte von Anfang an auf Selbstorganisation und den tatkräftigen Einsatz der Senioren: Sie sind bereit, andere Menschen zu unterstützen und Hilfsleistungen wie Einkaufshilfen oder Fahrgemeinschaften zu organisieren. Auch mit digitalen Medien kennen sich viele von ihnen dank des Projekts inzwischen gut aus, so dass sie ihr Wissen an andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitergeben können. Zusätzlich zu diesen selbstorganisierten „Sharing-Netzwerken“ integriert GESCCO aber auch Unterstützung durch professionelle Akteure wie Wohlfahrtsverbände und Kommunen – das „Caring-Netzwerk“. Die Initiative EVA beispielsweise, aus der die Dankesnachricht stammt, ist im Rahmen des Projekts entstanden und wird vom Arbeiter-Samariter-Bund Hessen begleitet. Die Forscher vom IZGS in Darmstadt profitieren ihrerseits von den theoretischen Erkenntnissen über Netzwerke, die sie im Projektverlauf gewinnen.

GESCCO hat auch in der Vergangenheit schon für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt, etwa mit einem Senioren-Flashmob in der Offenbacher Innenstadt im Mai 2019. Die Dankesnachricht der EVA-Teilnehmerin hat nun beim Projektleiter Prof. Dr. Michael Vilain und seinem Mitarbeiter Dr. Matthias Heuberger große Freude ausgelöst: „Diese Nachricht zeigt uns, wie groß der praktische Nutzen angewandter Sozialforschung sein kann“, so die beiden Forscher. „Dass die Seniorinnen und Senioren im Projekt neue Netzwerke entwickeln und das erlernte Wissen im Umgang mit Technik auch in Krisenzeiten aktiv anwenden und davon nachhaltig profitieren können, ist auch ein wenig Lohn für unsere Arbeit.“